Am Dienstag, dem 20. November, trafen wir uns im Adventhaus Gera zum Trauerabend für Manfred Görler. Mehr als vierzig Menschen waren gekommen, ehemalige Arbeitskollegen, Nachbarn, Vertraute, Freunde und Bekannte.

Manfred war am Mittwoch, dem 7. November 2012, mitten im Spiel, beim Tischtennis gestorben. Er war am 16. September 1948 in Fritzlar geboren worden – als drittes Kind seiner Eltern. Warum Fritzlar? Dort hatte sein Vater im Lazarett gelegen und seine zukünftige Frau kennen gelernt. Der Name Görler war in Gera wohlvertraut. Manfreds Großvater besaß ein Sägewerk in der Wiesestraße  – sein Langholzwagen gehörte in Debschwitz zum Straßenverkehr wie der Simson zum Geraer Markt. Diesen Betrieb übernahm Manfreds Vater. Er war ein belesener, besonnener, hochintelligenter Mann. Die Mutter führte den Haushalt. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, lustig und laut. Die Görlers waren eine große, bunte Familie. Manfred fiel schon damals durch sein Anderssein auf. Er war ein eher zurückhaltendes, besonderes Kind. Das bescheidenste, ernsteste von allen, erzählte man mir.

In Zwötzen besuchte er die Grundschule. Beim Pfarrer Schlegel nahm er Konfirmanden-Unterricht. Es gab eine Zeit, da ging er in die Kirche, in die Evangelische. Manfred studierte an der Ingenieurschule für Bauwesen in Apolda und bekam ein Diplom als Ingenieur für Baustoffkunde. Dann arbeitete er im Hoch- und Tiefbau. Gemeinsam mit seiner Frau baute er ein großes Haus in Debschwitz. Manfred war sehr fleißig und erfinderisch. Viele Arbeiten erledigte er selbst. Dieses Haus hat er geliebt – obwohl er es in den letzten Jahren dort wohl kaum noch ausgehalten hat. Nach der Wende begann Manfred für die Stadtverwaltung Gera als „Sachbearbeiter Vorhabenprüfung“ zu arbeiten. Er hat Bauanträge geprüft und genehmigt. Manfred war Ansprechpartner für Gera-Langenberg sowie umliegende Dörfer wie Dorna, Röpsen, Cretschwizt, Steinbrücken… Mit den Leuten vom Land kam er gut aus. Manfred, der beste Freund der Bauern, so sagte man von ihm im Amt.

Zwei Kinder wurden dem Ehepaar geschenkt, ein Junge und Jahre später ein Mädchen. 1997 passierte ein tragisches Unglück, das den weiteren Verlauf seines Lebens sehr beeinflusst hat. Sein Sohn war mit Freunden im Auto unterwegs, zum Tanzen – zwischen Weihnachten und Neujahr muss das gewesen sein, hat man mir erzählt. Sonst ist er immer selbst gefahren. Aber ausgerechnet dieses Mal fuhr er mit, er saß hinten. Auf der Rückfahrt von Werdau wurde das Auto aus einer Kurve getragen. Er war sofort tot. Eltern, die ein Kind verlieren, geraten häufig in ein regelrechtes Gefühlschaos. Schuldgefühle, Verzweiflung, Einsamkeit, Neid, Wut und Rachegefühle verheeren die Psyche und das Miteinander. Die Menschen und das Miteinander geraten aus dem Gleichgewicht. Alles kommt ins Rutschen. Findet man danach wieder eine neue Ordnung im Leben, dann wird sie ganz anders aussehen müssen als vor dem tragischen Ereignis. (vgl. http://www.veid.de/hilfe-fuer-betroffene/einzelansicht/article/trauer-verstehen-wenn-ihr-kind-gestorben-ist.html?tx_ttnews[backPid]=110&cHash=560f10b3d20b7680c342517893e679c3) „Jeder trauert anders, jeder braucht seine eigene Zeit. Das gilt auch für Partner und alle anderen Familienmitglieder. Dieser  manchmal sogar sehr konträre Umgang mit der Trauer erzeugt Spannung und erfordert sehr viel Toleranz und Verständnis im Umgang miteinander, damit aus Verschiedenheit nicht Trennung wird.“, so heißt es auf der Webseite des Bundesverbandes Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland. Manfred zog sich in seiner Trauer wohl eher auf das Wesentliche zurück, auf das Elementare, das Naheliegende. Der Boden unter seinen Füßen reichte ihm. Und er machte sich Vorwürfe. Wäre ich nur strenger gewesen, dann wäre das nicht passiert, sagte er sich immer wieder.

An einem Sonnabend im Oktober 2007 lief Manfred Görler wie geistesabwesend durch diese Stadt. Da traf ihn eine Bekannte, die schon seit längerem im Adventhaus Gera aus- und einging. Sie lud ihm zum Erntedankfest ein, das an diesem Tag gefeiert wurde. Und er kam – und blieb.

Im Februar 2010 war er mit einem Kollegen mit dem PKW auf einer Dienstfahrt nach Langenberg. Während der Fahrt wurde er eigenartig müde. Er hatte Herzstechen. Sein Kollege fuhr auf den Parkplatz von Möbel-Rieger und rief den Arzt an. Eine Viertelstunde lang hat er ihn munter gehalten. „Wenn du einschläfst, bist du tot“, hat er ihm immer wieder gesagt – bis endlich der Hubschrauber kam. Im September 2011 wurde Manfred im Fachdienst Bauvorhaben in den Ruhestand verabschiedet. Da war er 63 Jahre alt. In den letzten Monaten war Manfred viel unterwegs. Er mied offenbar das Alleinsein. Auch das Adventhaus Gera gehörte zu seinen Anlaufpunkten.

Manfred war liebenswert, freundlich, hilfsbereit. Er nutzte andere nicht aus. Wenn andere ihm etwas gegeben hatten oder einfach eine Freude gemacht hatten, dann suchte er Mittel und Wege, sich bei ihnen zu bedanken, ihnen wiederum eine Freude zu machen. Eine Frau aus seinem Bekanntenkreis sagte: „Er war, wie man sich einen Freund wünscht. Man durfte auch ‘ne andre Meinung haben.“ Frauen hat er gern Blumen gebraucht – und Weidenkätzchen. Oder frischen Salat aus seinem Garten. Für uns Adventisten spendete er in der Adventszeit Tannengrün zum Dekorieren. Andere bekamen Hasen geschenkt.

Auf dem Grabstein seines Sohnes habe ich zwei kleine Steine liegen sehen. Die hatte bestimmt Manfred dort hingelegt. Vor seinem Haus begrüßten einen schon auf dem schmalen Bürgersteig zwei große Steine. Auf seine Sammlung von Steintrögen war er stolz – auch auf die selbstgebauten Steinmauern in seinem Garten. Als er im Ende Juli dieses Jahres das F-Camp in Friedensau bei Burg besuchte, nutze er die Zeit auch dafür, Steine zu suchen. „Ich hab Steine gefunden“, erzählte er mir freudestrahlend.

Steine hatten in alter Zeit eine Bedeutung im Leben spiritueller Menschen. Im Alten Testament wird erzählt, dass aus Steinen Altäre errichtet wurden oder Erinnerungsmale. Als Jesus im Triumphzug in Jerusalem einzog und es Leute aufregte, weil seine Anhänger ihn wie einen König feierten, sagte er: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ Steine werden immer wieder in der Bibel erwähnt. Das endgültige Hereinbrechen der unsichtbaren Welt Gottes in unsere sichtbare Welt wird mit Herunterrollen eines riesigen Steines in Verbindung gebracht. Ein Stein trifft auf die gesammelten politischen Errungenschaften der Menschheit und zermalmt sie.

„Aber zur Zeit dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Reich wird auf kein anderes Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören; aber es selbst wird ewig bleiben, wie du ja gesehen hast, dass ein Stein ohne Zutun von Menschenhänden vom Berg herunterkam, der Eisen, Kupfer, Ton, Silber und Gold zermalmte.“ So erzählte es der weise Daniel dem babylonischen Herrscher Nebukadnezar (Daniel 2, 44-45a) .

Am Dienstag, dem 23. Oktober, verabschiedete er sich auffallend herzlich von den Teilnehmern des Bibelkreises „Ma(h)l am Abend“ im Adventhaus Gera. Bei dieser Gelegenheit betete er auch öffentlich. Wir sprachen nach dem Treffen miteinander. Ich drückte ihn. Er erzählte mir etwas, was ihn sehr bewegte.

In einem Gespräch mit einer guten Bekannten am 6. November, am Vortag seines Todes, sagte er: „Naja, eigentlich wünsche ich mir mal so zu sterben – nicht im Bett, nicht alleine, nicht zu Hause.“ Er ist plötzlich gestorben, mitten im Leben, mitten im Spiel – weder im Bett, weder allein noch zu Hause, so wie er es sich gewünscht hatte.

Manfreds Vorstellungen über das Leben nach dem Tod wichen weit von den meinen ab. Ich sehe den Menschen ganzheitlich – im Leben wie im Tod. Erst ist man ganz lebendig – körperlich, seelisch, geistig – dann ganz tot. Nur Gott kann einen Menschen wieder ins Leben rufen, ihn am Tag des „großen Steins“ wieder auferwecken. Ich persönlich hoffe auf ein Wiedersehen mit Manfred im Reich Gottes.